„Wer Vertrauen zurückgewinnen will, muss zuhören und handeln.” 

100 Tage im Amt: Unsere Landesvorsitzenden im Interview

Im Mai haben wir GRÜNE zum ersten Mal eine weibliche Doppelspitze in den Landesvorstand gewählt. Nach 100 Tagen an der Spitze des Landesverbands setzen Carolin Cloos und Christin Sauer auf Aufbruch: Die gewachsene grüne Partei soll ihre Stärke nutzen und aus der Opposition heraus neue politische Kraft entfalten. Hier geben sie exklusiv einen Einblick in ihre Ziele für das Superwahljahr 2029, die Strategie im Umgang mit der AfD und ihre Tipps für Neumitglieder. 

Wie habt ihr die ersten 100 Tage als Landesvorsitzende erlebt?

Caro: Wir sind kurz vor der parlamentarischen Sommerpause gestartet und haben uns zuerst um unsere Mitglieder und die Kreisverbände vor Ort gekümmert. Auf unserer Sommertour durchs Land haben wir ganz viele Themen aufgenommen, die wir für unsere politische Arbeit mitnehmen. Wir haben beide große Lust auf Austausch.

Christin: Es waren sehr lehrreiche und informative 100 Tage mit vielen neuen Menschen und Perspektiven in Stadt und Land. Neben der Sommertour war der enge Austausch mit der Landtagsfraktion bei einer gemeinsamen Klausur ein wichtiger Auftakt. Gerade die Oppositionsrolle erfordert, dass wir Kräfte bündeln. Ziel ist es, zum Superwahljahr 2029 wieder grüne Erfolge feiern zu können

Wie genau sieht unsere Rolle in der Opposition aus?

Caro: Die Regierungsarbeit kritisch begleiten und schauen, ob Wahlversprechen wirklich eingelöst werden –  zum Beispiel mit dem Antrag zum Deutschlandticket im Landtag (Link), eigentlich ein großes Wahlversprechen der CDU. Da werden wir weiter sehr genau hinschauen, besonders bei unserem Kernthema Klimaschutz.

Christin: Wir machen jetzt keine Pause nach dem Wahlkampf, auch unsere Kreisverbände nicht. Wir sind sichtbar, aktiv und suchen das Gespräch. Auch außerhalb von Wahlkampfzeiten ist es wichtig, nah an den Sorgen der Leute zu sein. Wir alle sind sehr motiviert, damit diese Oppositionsphase auch wirklich eine Phase bleibt.

Die Oppositionsrolle teilen wir uns im Landtag mit der rechtsextremen AfD. Was ist eure Strategie im Umgang mit der AfD?

Christin: Mein Eindruck ist, dass der politische Erfolg der AfD auf einer emotionalen Basis ruht und nicht auf einer inhaltlichen. Wenn man das Programm der AfD kennt und ernst nimmt, kann man darin nichts erkennen, was unser Land voranbringt. Die emotionale Wahlentscheidung kann man auch nur mit einer emotionalen Antwort annehmen. Das meine ich mit: Wir sind bei den Leuten, wir sind im Gespräch, wir wollen nicht „die da oben“ sein. Wir wollen ganz konkret mit unseren Kreisverbänden Politik vor Ort gestalten. Diese Haltung tragen wir genauso ins Parlament, um dort konstruktiv Politik zu gestalten.

Caro: Entscheidend ist, dass wir als Demokratinnen und Demokraten gegen Rechtsextremismus zusammenstehen. Wir haben gemeinsam die Aufgabe, dass Politik in einem funktionierenden Alltag wieder spürbar wird. Alle Menschen sollten darauf vertrauen können, einen Termin beim Hausarzt zu bekommen und einen Bus, der vor der Haustür abfährt – Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Das hat in den vergangenen Jahren zu oft nicht funktioniert.

Braucht es ein Verbotsverfahren gegen die AfD?

Caro: Das Verbotsverfahren ist das richtige und legitime Mittel, verfassungsfeindliche Parteien müssen verboten werden. Die Zustimmung zur AfD entsteht aus einer Politikverdrossenheit. Wir müssen darum auch die Anliegen der Menschen aufnehmen und politisch umsetzen. Wir müssen wieder zeigen, dass Politik etwas bewegen kann. Das ist der beste Weg, Hoffnung zu organisieren.

Christin: Das ist absolut die richtige Lösung. Wenn wir uns gerade anschauen, wie Parlamente und Wahlergebnisse sich entwickeln, ist die Zersplitterung im parlamentarischen Alltag Praxis. Die AfD profitiert davon, wenn demokratische Parteien immer schwerer stabile Mehrheiten bilden können. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie unsere Demokratie erst destabilisiert und anschließend aus dem Vertrauensverlust politisches Kapital schlägt.  Um die Unterscheidbarkeit der demokratischen Parteien wieder stärker zu leben, brauchen wir das Verbotsverfahren als Korrektiv im parlamentarischen System.

Caro: Das Verbotsverfahren ist das richtige und legitime Mittel, verfassungsfeindliche Parteien müssen verboten werden. Die Zustimmung zur AfD entsteht aus einer Politikverdrossenheit. Wir müssen darum auch die Anliegen der Menschen aufnehmen und politisch umsetzen. Wir müssen wieder zeigen, dass Politik etwas bewegen kann. Das ist der beste Weg, Hoffnung zu organisieren.

Ihr kommt beide aus städtischen Kreisverbänden, lebt in der Stadt. Als Landesvorsitzende in einem Flächenland seid ihr jetzt auch mit den Anliegen ländlicher Gebiete beauftragt. Wann wart ihr zuletzt dort unterwegs, und was habt ihr dort mitgenommen? 

Caro: Ich war vor zwei Wochen in Mehlingen auf dem Kerweumzug – ein wunderschöner Tag, spannend und ungezwungen. Aber ÖPNV ist auf dem Dorf natürlich ein Thema, ich musste mit dem Auto anreisen. 

Christin: Ich war in Unkel bei dem tollen Verein „Gemeinsam für Vielfalt“. Die Mitglieder haben ein ehemaliges Schwimmbad übernommen, nachdem es 13 Jahre lang brach lag und nicht genutzt werden konnte. Sie haben es zu einem Bürgerpark umgebaut – ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass Engagement vor Ort den Unterschied macht. Die Unterstützung von Parteien kann dabei Rahmenbedingungen schaffen und wie in diesem Fall rechtliche Grundlagen legen. Da ist viel los.

Wie wollt ihr den Menschen im ländlichen Raum zeigen, dass grüne Politik ihren Alltag konkret verbessert?  

Caro: Vor Ort klarmachen: Wir stehen an der Seite der Menschen. Viele denken eigentlich grün, haben ein E-Auto in der Garage und eine Solaranlage auf dem Dach, die Wärmepumpe vor der Haustür. Dabei wollen wir weiter fördern und niemanden alleine lassen. Transformation auf dem Dorf unterstützen wir.

Christin: Die Menschen leben individuell schon Transformation und Klimaschutz und das unterstützen wir natürlich. Die Energiewende vor der eigenen Haustür: ÖPNV, Arztpraxen – da sind wir ganz schnell bei den Kommunalfinanzen. Ein ganz großes Problem, für das wir vom Bund noch keine zufriedenstellende Lösung haben. Auch im Landtagswahlkampf wurde getönt, die Kommunen zu entlasten. Wenn ich da großzügig bin, kann ich kleinste Schritte erkennen, aber im Wesentlichen ist die große Entlastung der Kommunen und damit die Handlungsfähigkeit der kommunalen Parlamente noch nicht gegeben.

Sind Kommunen in RLP denn angesichts der Finanzlage noch handlungsfähig? Oder geht es nur noch um Schadensbegrenzung? Welche Erfahrungen habt ihr als Mitglieder kommunaler Parlamente gemacht?

Caro: In Worms kämpfen wir schon lange und stehen noch immer an vierter Stelle bei der Pro-Kopf-Verschuldung in RLP – wir sind eigentlich fast gar nicht mehr handlungsfähig. “Wo können wir Fördergelder einwerben?”, ist bei jedem Vorhaben die erste Frage die man sich stellt. Das Sondervermögen entlastet uns in Worms mit knapp 81 Millionen Euro über die nächsten 12 Jahre. Damit können wir Projekte umsetzen, die schon in Planung waren, aber wir können keine Projekte umsetzen, die noch dazu kommen. Freiwillige Leistungen wie beispielsweise neue und sichere Radwege können wir oft nicht ohne Förderung angehen. Das muss sich ändern! Kommunalparlamente müssen Entscheidungsfreiheit haben. Dafür brauchen sie finanzielle Sicherheit.

Christin: Das Gleiche gilt für Mainz. Von Handlungsfähigkeit kann man nicht mehr sprechen, wenn die Frage lautet: Wo tut das Sparen am wenigsten weh? Das kann man den Bürgerinnen und Bürger auch nicht mehr vermitteln. 

Wie kann es sein, dass in die Jahre gekommene Spielplätze aus Sicherheitsgründen abgebaut werden, weil wir keine Spielgeräte mehr ersetzen können, weil schlicht der Topf leer ist? Ist das nicht demokratiezersetzend? Kommunalfinanzen sind eine entscheidende Frage von Vertrauen in den Staat. Die Infrastruktur entscheidet mit, ob mein Alltag noch funktioniert. Ja: Es ist demokratiezersetzend, dass Kommunen nicht mehr handlungsfähig sind.

Caro: Wer bestellt bezahlt, das muss jetzt wirklich mal umgesetzt werden.

Warum seid ihr eigentlich Mitglieder der Grünen geworden?

Christin: Ich bin 2017 mit frühen Anfängen der Klimabewegung Mitglied geworden. Damals haben wir in Mainz die erste Klimademo „Rise for Climate“ organisiert, noch vor Fridays for Future. Als Studierende in einem naturwissenschaftlichen Fach war mir wichtig, Klimaschutz Gehör zu verschaffen. Heute kämpfe ich als Landesvorsitzende und stv. Fraktionsvorsitzende im Mainzer Stadtrat für Klima- und Naturschutz, soziale Gerechtigkeit und Feminismus.

Caro:2020 kam ich aus München zurück nach Worms und wollte mich ehrenamtlich für meine Stadt engagieren. Von Anfang an ging es mir dabei um die Frage: Wie schaffen wir eine gute Zukunft für Worms? Als Kreisvorsitzende habe ich dafür viele Jahre Verantwortung übernommen, heute bringe ich meine Ideen als Stadträtin ein. Als Landesvorsitzende brenne ich besonders für die Themen Klimaschutz, Gesundheit, Gleichstellung und Mobilität.

Was findet ihr toll an unserer Partei?

Caro: Wir Grüne lieben Inhalte und ich liebe es, dass wir so um die Inhalte streiten.

Christin: Unsere Meinungsvielfalt in der Partei ist total gut. Wir haben keine Parteisoldat*innen, der offene Austausch ist wertvoll.

Und was nervt euch an schlechten Tagen an uns?

Christin: Das Gleiche! Die Debattenkultur macht zum Beispiel die Vereinbarkeit von Familie und Politik schwer. Wenn Sitzungen nicht anderthalb Stunden dauern, sondern vier, wenn Parteitage nicht ein bis zwei Tage dauern, sondern drei bis vier, dann ist das für Menschen im Ehrenamt schwieriger vereinbar. Es ist auch unsere Aufgabe als Vorsitzende des Landesverbandes darauf Antworten zu geben. Dazu rufen wir zum Beispiel gerade ein neues Netzwerk für grüne Mütter ins Leben. Kommunalpolitik braucht Frauen. Wir unterstützen unsere Mitglieder dabei, einen Einstieg zu finden und sich langfristig zu engagieren.

Caro: Ich würde nicht „nerven“ sagen, aber einen pünktlichen Sitzungsbeginn würde ich mir manchmal wünschen …

Was habt ihr euch vorgenommen für eure Amtszeit?

Caro: Die Partei neu aufstellen – wir sind in den letzten Jahren sehr stark gewachsen und wachsen weiter. Dafür sind wir sehr dankbar: Aber mit mehr Mitgliedern brauchen wir auch neue Strukturen. Wir wollen die Ehrenamtler*innen so gut es geht entlasten, damit sie Zeit haben, den Menschen vor Ort zuzuhören und sich um deren Anliegen zu kümmern.

Christin: Großes Ziel sind die Wahlen 2029: Kommunalwahl, Bundestagswahl und Europawahl in einem Jahr. Der Anspruch ist, überall grüne Erfolge zu feiern. Dafür legen wir jetzt schon die Grundlagen. Gemeinsam mit den Mitgliedern und Gliederungen wollen wir Wirkung aufbauen. Die wachsende Zustimmung zu Rechtsextremismus zeigt: Vertrauen geht vor Ort verloren. Genau dort gewinnen wir es zurück.

Und was gebt ihr den Neumitgliedern mit auf den Weg?

Christin: Das Wichtigste ist Anschluss zu finden. Zusammen macht Flyerverteilen und Plakatekleben viel mehr Spaß. Kommt in den Strukturen an!

Viele sind so motiviert! Neue Mitglieder schließen sich jetzt unserer Partei an, weil sie von der Sorge um die Demokratie getrieben sind. Auch die Überzeugung, dass wir uns laut und deutlich für Klimaschutz einsetzen müssen, bewegt Menschen dazu, Mitglied zu werden. Dafür wollen wir den Rahmen bieten, ohne großes Vorwissen aktiv werden zu können.

Caro: Habt den Mut, euch einzubringen. Ihr müsst nicht schon alles wissen und ihr müsst auch nicht gleich die großen Antworten parat haben. Eure Perspektive, eure Ideen und eure Energie sind genau das, was unsere Partei braucht. Ich freue mich darauf, gemeinsam mit euch etwas zu bewegen. Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit, das sind unsere Themen – ich freue mich darauf, dafür gemeinsam mit euch zu kämpfen.


Zur Person: 

Carolin Cloos (*1990) ist Zahnärztin, gebürtige Wormserin und engagiert sich für grüne Politik in ihrer Heimatstadt. Nach einigen Jahren in Ulm und München zog es sie 2019 zurück nach Rheinhessen. Seit 2024 ist sie stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Wormser Stadtrat. 

Christin Sauer (*1991) ist seit 2019 kommunalpolitisch aktiv. Ortsvorsteherin von Mainz Hartenberg-Münchfeld und Mitglied des Mainzer Stadtrats, wo sie als stv. Fraktionsvorsitzende für grüne Politik kämpft. Im KV Mainz war sie 2021-2025 Kreisvorsitzende und hat mehrere Wahlkämpfe mit organisiert. Ursprünglich stammt Christin aus Aschaffenburg und kam zum Studium der Biomedizinischen Chemie 2011 nach Mainz. Dort lebt sie heute mit Partnerin und Tochter.